Die Menarche 

Unter "Menarche" versteht man das erste Auftreten der Menstruationsblutung in der Pubertät. Das Wort „Menarche“ setzt sich aus dem griechischen mên = „Monat“ und archê = „Anfang“ zusammen. Im Folgenden nähern wir uns dem Thema einmal von einer etwas anderen Seite  - indem wir einen Vater zu seiner Sicht dieses sehr weiblichen Themas interviewen. Stefan (42) ist seit einigen Jahren alleinerziehend, er lebt mit seinen beiden Teenager-Töchtern Melanie (14) und Laura (17) auf dem Land. Das Interview folgt weiter unten.

Doch zum Einsteigen und zur Beantwortung aller wichtiger Fragen, die Teeenager zu ihrer Menstruation beschäftigen, publizieren wir hier als erstes "Die Fibel der Menstruation", welche das Team von Lunette liebevoll und mit grossen Einfühlungsvermögen ausgearbeitet hat! Viel Spass beim Lesen!



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Menarche - Betrachtungen eines alleinerziehenden Vaters

Purpurtage: Als du alleinerziehend wurdest, war deine jüngere Tochter Melanie noch ein Schulmädchen und besuchte die Unterstufe. Laura war bereits etwas älter und hatte die Menarche schon hinter sich. Als es dann bei Melanie langsam soweit wurde - hast du dich vorgängig informiert oder darauf vorbereitet?

Stefan: Nein, nicht speziell, ich liess der Sache einfach ihren natürlichen Lauf. Im Grunde wuchs ich durch meine Tochter selber in das Thema hinein (lacht)... und zwar durch ihre Nothelferdienste, von denen sie mir jeweils erzählte.


„Nothelferdienste“ - was genau meinst du damit?

Nun, durch ihre ältere Schwester, wusste Melanie Anfang Oberstufe, dass sie ihre erste Menstruation wohl bald erwarten durfte. So hatte sie einige Binden vorsorglich immer mit dabei, wenn sie unterwegs war. Unter ihren Freundinnen sprach sich das herum, und immer wenn „es“ bei einer dann unerwartet passierte, fungierte Melanie als Nothelferin. Das waren dann je nach dem kleine Dramen mit Tränen oder schon freudig erwartete Erlebnisse.


Hat Melanie ihre erste Menstruation dann schliesslich auch in der Schule bekommen, so wie ihre Freundinnen?

Nein, das geschah in der Nacht. Als sie morgens aufwachte, war ihr Bett voller Blut. Sie lieh sich daraufhin Binden von ihrer älteren Schwester - da sie just in diesem Moment keine eigenen zur Hand hatte - und ging zur Schule wie immer. Als sie über Mittag nach Hause kam, hat sie es mir dann erzählt, aber ohne es speziell zu betonen. Im Grunde war es kein Welt bewegender Moment, ich war ja durch die vorrangigen Gespräche darauf gefasst.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich sie fragte, ob sie etwas Spezielles brauche. Sie wusste es dann selber nicht so genau. Hier war es hilfreich, dass sie immer die ältere Schwester um Rat fragen konnte.


Was ging in dir vor, als deine jüngste Tochter zum erstenmal die Menstruation bekam? Zu diesem Zeitpunkt warst du ja bereits einige Zeit alleinerziehend.

Ich geriet in einen Zwiespalt. Einerseits hatte ich als Mann stark das Empfinden, dass es nicht meine Rolle, nicht meine Aufgabe ist. Andererseits wollte ich eben diese Aufgabe als Vater oder Elternteil aber unbedingt wahrnehmen. Ich musste aufpassen, wie ich an das Thema heranging, ich wollte der Frauenwelt mit Achtsamkeit begegnen. Es war und ist mir aber immer bewusst, dass ich mich dem Thema Menstruation immer nur aus Männersicht annähern kann. Es passiert schnell, dass man hier ins Fettnäpfchen tritt.


Kannst du hierzu ein Beispiel nennen?

So ein Grenzübertritt passierte mir beim Thema Tampon. Mir fiel auf, dass Melanie plötzlich Mühe hatte bei gewissen Sportarten, zum Beispiel dem Schwimmen und dann eine Entschuldigung von mir für die Schule brauchte. Ohne weiter darüber nachzudenken schlug ich ihr vor, für diese Aktivitäten doch einen Tampon zu benutzen, so wie ich es noch in Erinnerung hatte, dass es ihre Mutter früher jeweils handhabte. Damit bin ich wohl zu weit gegangen. Sie reagierte mit Panik, denn für sie waren Tampons damals kleine Ungeheuer, zu dessen Benutzung sie absolut nicht bereit war.

Hoffentlich bin ich da bei ähnlichen Begebenheiten ein anderes Mal etwas taktvoller. Ich glaube, mit der Zeit würde ich das auch noch lernen. Mir fehlt mir die Erfahrung oder einfach die Uebung um mich in eine Frau oder ein junges Mädchen hinein zu versetzen, das sich zum ersten Mal in ihrem Leben einen Tampon einführen soll.

(überlegt)... und wenn ich darüber nachdenke, war es das ein Stück weit damals nicht mal bei der eigenen Frau - es war einfach ein Puzzleteilchen vom Alltag, eines unter vielen. Daraus ist mir stark bewusst geworden, dass alles seine Zeit braucht. Irgendwann ging es mit dem Tampon dann auch fliessend.


Dazu fällt mir das Stichwort „prämenstruelles Syndrom“ ein - kannst du uns dazu etwas verraten?

(denkt kurz nach) Das zeigt sich in ganz bestimmten Stimmungen, da wird dann vermehrt herumgekeift und „gegiftelt“ oder schlecht über Kolleginnen und Freundinnen geredet. Durch die direkte Auseinandersetzung damit ist mir im Grunde der gesamte grosse Rhythmus mit dem ganzen Kosmos viel bewusster geworden, der stark mit dem Menstruationsturnus der Frauen zusammenhängt. Und ich beobachte so etwas ähnliches seither bei mir selber. Ich kann noch nicht genau sagen, inwiefern sich diese Schwankungen auch bei mir wiederholen und in welchem zeitlichen Abstand. Aber sie sind klar vorhanden.

 

Wie gehst du damit um?

Durch dieses eigene Erleben kann ich solche Stimmungen und Schwankungen je länger, je weniger mit dem im Volksmund saloppen „die hat halt die Mens“ abtun. Je älter und sensibler ich werde, desto stärker fühle ich auch meine eigenen sich wiederholenden Biorhythmen, aber - nebenbei gesagt - als Mann kann man das besser vertuschen, es auf irgend etwas oder jemand anderen abwälzen - da es ja keine äusseren Anzeichen dafür gibt. Vielleicht könnte ich besser damit umgehen, wenn ich selber direkter, näher daran wäre, so wie die Frauen mit ihrer Menstruation, aber soweit bin ich leider noch nicht. Die Frauen haben hier den Vorteil, dass sie genau wissen, in welcher Phase ihres Zyklus sie sich gerade befinden. Von dieser Warte her betrachtet, stelle ich mir das Frausein einfacher vor.

 

Kannst du das bitte etwas näher beschreiben?

Männer spielen eine Rolle! Frauen müssen viel weniger eine Rolle spielen. Ich mag diese klassische gesellschaftliche Männerrolle nicht. Für mich war es so gesehen eine Erleichterung durch meine Aufgabe als alleinerziehender Vater einfach nur noch „Mensch sein“ zu dürfen. Einfach da zu sein, wo „Menschen“ leben und nicht mehr in einer Rolle gefangen zu sein.

 

Du hast also Möglichkeiten dich auszutauschen?

Ja, ich kann mich jederzeit mit meinen Nachbarinnen und mit befreundeten Frauen austauschen. Die Gespräche mit Frauen, die ich seither erleben darf, zeigen mir Welten, in die Männer sonst in der Regel nicht integriert werden. Mir tun diese Gespräche sehr gut und mir ist dabei klar geworden, dass ich als Mann die Mutter meiner Töchter nicht ersetzen kann. Aber es stärkt meine weibliche Seite und für diese Erfahrung bin ich dankbar. Ich habe gelernt, dass ich es mir auch als Mann gut gehen lassen darf.

 

Wie habt ihr in eurer Familie den Binden- und Tamponeinkauf organisiert?

Für die Einkäufe bin ich zuständig. Laura und Melanie schreiben auf die Einkaufsliste, was sie benötigen und ich besorge es dann. Am Anfang habe ich oft die falschen Modelle nach Hause gebracht (lacht). Ganz am Anfang brachte ich einmal so Riesendinger mit für die Nacht, ich weiss auch nicht mehr, ob das Inkontinenzeinlagen waren oder was sonst, da waren sie dann gar nicht begeistert. Aber mittlerweile kenne ich mich recht gut aus. Ich kenne jetzt auch den Unterschied zwischen Slipeinlagen und unterschiedlich dicken Binden. Im Moment gerade sind etwas längere Modelle gefragt als bis anhin.

 

Macht es dir als Mann nichts aus, im Laden Binden einzukaufen?

Ganz und gar nicht! Für mich ist es ein schönes Erlebnis - diese Natürlichkeit in der Familie untereinander, dieser unverkrampfte Umgang mit dem Einkaufszettel gefällt mir. Gut, manchmal stehe ich schon etwas lange vor den Regalen mit den Binden und flüchtig kam mir auch schon der Gedanke, was sich wohl die Frau neben mir denken mag. Aber (Stefan lacht) ich kann mich noch gut erinnern - den ersten Pariser zu kaufen, war schlimmer! Da überlegte ich mir schon noch, soll ich das Ding jetzt in die Hosentasche stopfen und einfach verschwinden oder mit hochrotem Kopf zur Kasse zu gehen.

 

Was gibst du deinen Töchtern mit im Hinblick auf ihre Menstruation – gerade als Mann und Vater?

Für mich ist es immer wieder der Versuch eines natürlichen Umganges untereinander; das heisst, sie sollen auch die Möglichkeit haben mit einem Mann über alles reden zu können, was sie gerade bewegt. Sie sollen wissen, dass ihre Anliegen auch einen Mann interessieren. Für mich gehört der Umgang mit der Menstruation zum Rhythmus des Lebens, welcher in allem was ist, mitspielt. Deshalb interessiert mich das Thema und besonders auch die Gedanken der Frauen dazu.

Ich finde, die Frauen sollten in der Gesellschaft gestärkt werden. Was die weibliche Kraft angeht, wird sie unterdrückt. Die Frauen haben in sich und ihrer Gabe Leben weiter zu geben, also mit der Menstruation, eine solche Kraft, die ich als Mann nie hinbekommen kann. Aber vielleicht liegt genau auch hierin - in der damit verbundenen grossen Emotionalität der Frau - auch eine gewisse Problematik. Hier können Frau und Mann gegenseitig viel von einander lernen, sich gegenseitig in der Andersartigkeit achten, es integrieren.

 

Habt ihr in euerer Familie die Menarche gefeiert oder ritualisiert?

Leider nein. Denn es wäre ein Moment im Leben des jungen Mädchens, wo sich einiges ändert, wo sie körperlich zur Frau wird, die empfangen und neues Leben weiter geben kann. Diesen Wechsel bewusst mit einer Feier oder einem Ritual zu begehen, wäre eigentlich wichtig.

Ich kann und konnte diesen Akt meinen Töchtern aber von Natur aus nicht bieten, denn hier fühle ich ganz stark, dass das eine reine Frauen- oder Mutterangelegenheit ist, eine solche Initiation vorzunehmen. Ich empfände es als Grenzüberschreitung, mich hier einzumischen. Was ich mir hingegen vorstellen könnte ist, an einer solchen Feier in einem bestimmten Rahmen teilzuhaben, falls das von den Mädchen und Frauen gewünscht wäre. Ich denke aber, möglicherweise ist es dafür gesellschaftlich noch zu früh und zu fremd.

 

Bei der Menarche von Laura, deiner älteren Tochter, war die Mutter noch anwesend – wie spielte sich die Geschichte da ab?

(überlegt) Einerseits indirekt. Andererseits erschallten Fanfaren von Tochter und Mutter. Laura ging damit zur Mutter, ich bekam das so nah gar nicht mit, die beiden machten das untereinander aus. Die Mutter teilte es mir dann später mit. Es war zwar wichtig. Aber das war`s dann auch schon.

 

Was würdest du in dieser Hinsicht anderen Vätern raten?

Ich empfehle allen Vätern die weiblichen und fraulichen Seiten ihrer Töchter oder Frauen zu beobachten - mit all ihren Symptomen und Erscheinungen. Und dann versuchen sich selber darin zu sehen und zu spiegeln, um Parallelen zu sich selber und dem eigenen Geschlecht zu finden. Ich finde es lohnt sich gerade auch während der prämenstruellen Phasen die Augen offen zu halten in Bezug auf die andere Hälfte der Gesellschaft. Für mich gehört dieses Beobachten zu etwas vom Schönsten. Es bedeutet für mich erleben und teilhaben zu können. Den Rest müssen wir den Frauen selber überlassen (lacht), denn sie entscheiden ohnehin selber, wo sie einem teilhaben lassen wollen und wo nicht.

 

Gibt es etwas, was du jungen Müttern weitergeben möchtest?

Wenn sie eine Möglichkeit dazu finden, fände ich es wertvoll, wenn sie ihren Töchtern - so fern diese das wollen - ein unterstützendes Ritual mitgeben könnten, wenn sie ihre Menarche erleben.

 

Und was würdest du als Mann und Vater anderen jungen Mädchen mit auf den Weg geben?

(strahlt) Sie machen das von Natur aus von selbst gut - sie brauchen meinen Rat nicht. Ich finde es genial, wie sie im sozialen Austausch mit ihren Kolleginnen eine gewisse Selbständigkeit erlangen, wenn es um Fragen geht, was sie brauchen und wie weit ihre Körper in der Entwicklung sind.